Das nordatlantische Verteidigungsbündnis NATO hat die Sieger des 15. „Innovation Challenge“-Wettbewerbs mit dem Ziel Lösungen zur Abwehr von Gleitbomben zu präsentieren bekanntgegeben. Dies hat das in Norfolk ansässige Allied Transformation Command (NATO ACT) am 28. März 2025 auf seiner Internetpräsenz veröffentlicht. Das Teilnehmerfeld bestand aus über 40 Anmeldungen, welche aus insgesamt zehn Nationen bis zum 13. März 2025 als Entwurf eingereicht werden konnten.
Aus diesem Teilnehmerfeld wählte eine Jury bestehend aus Fachleuten 13 Finalisten aus, welche am 27.03.2025 im Rahmen einer Präsentation ihren Entwurf vorstellen konnten. Die Zusammensetzung der Jury erfolgte aus zivilem und militärischem Personal sowie Angehörige des Allied Transformation Command und Vertretern der ukrainischen Streitkräfte. Laut Admiral Pierre Vandier, Leiter des ACT NATO, sei den ukrainischen Jurymitgliedern eine Schlüsselrolle bei der Auswahl der Finalisten zugekommen. So seien die drei Gewinner und ihre Lösungsansätze explizit auf ihre zukünftige Nutzbarkeit im Ukrainekrieg hin ausgewählt worden.
Der Mitteilung zufolge setzten die meisten Entwürfe auf KI (Künstliche Intelligenz) gestützte Entscheidungsunterstützung, Bedrohungsklassifizierung sowie Sensorfusion. Auch die Anwendung von neuronalen Netzwerken, sowie neuromorphe Bildverarbeitung kamen zum Zuge. Mit letztgenannter Technologie lässt sich ACT zufolge die Reaktionszeit bei der Erkennung von Bedrohungen drastisch reduzieren. Zudem sei auch die Automatisierung als notwendige Reaktion auf die kognitive Belastung der Bediener bei Angriffen mit hoher Datensättigung aufgegriffen worden. Im Anschluss wurden die präsentierten Lösungen im Hinblick auf eine mögliche Projektfortsetzung, Prototypenerstellung und auch angestrebte Feldtests evaluiert.
Den ersten Platz errang das für seine Bildverarbeitung bekannte Softwareunternehmen Alta Ares mit Hauptsitz in Frankreich und Büros in der Ukraine und den USA. Kern des Alta-Ares-Ansatzes ist eine automatisierte Früherkennung und schnelle Identifizierung von Gleitbomben. Hierdurch wird eine frühzeitige Alarmierung von Kräften im Zielgebiet möglich, damit diese in Deckung gehen oder Störsysteme einsetzen können. Zudem können durch KI-gestützte Analyse eigene Effektoren zur Abwehr eingesetzt werden. Den Entwicklern zufolge sei das System überaus kompakt und leicht, plattformunabhängig und vollständig NATO-kompatibel. So lasse es sich in bestehende Sensornetzwerke mit vorhandenen Interfaces integrieren.
Das Team TYTAN Technologies GmbH, welches als einziger deutscher Teilnehmer am Wettbewerb teilnahem, errang den zweiten Platz. Das erst im September 2023 gegründete Münchener Start-up TYTAN Technologies entwickelt eigenen Angaben zufolge günstige, effiziente und skalierbare Drohnenabwehr auf Basis von kinetisch wirkenden Abfangdrohnen. Dabei ist die verwendete Software unabhängig vom Airframe der Abfangdrohne und kann an das jeweilige Ziel angepasst werden. Somit erlaubt das KI-gestützte System, welches seine Daten aus einer Vielzahl von zur Verfügung stehenden Sensoren bezieht, die Integration der Gleitbombenabwehr in ein bestehendes Drohnenabwehrtool. Laut Hersteller muss nur die für die Abwehr von Gleitbomben benötigte, höhere Marsch- und Zielgeschwindigkeit aufweisende Abfangdrohen bereitgestellt werden.
Den dritten Platz belegte das ebenfalls französische Start-up Atreyd. Das Konzept sieht den Einsatz von zahlreichen kostengünstigen Kleinstdrohnen im Schwarm vor, welche gleichsam eine „Wand“ bilden und so die Gleitbombe im Anflug sicher abfangen sollen. Dabei nutzt Atreyd eigenen Angaben zufolge eine ultraschallbasierte Erkennung und Lenkung, um die Zielgenauigkeit zu verbessern.
Russischer Gleitbombeneinsatz in der Ukraine
Unter dem Oberbegriff Gleitbombe versteht man im Ukrainekrieg den Einsatz unterschiedlicher russischer Lenkbomben und mit einem Rüstsatz versehene Freifallbomben. Zum Einsatz kommen Bomben wie die UPAB-1500B, die von Anfang an als Gleit- bzw. Lenkbombe entwickelt wurde, als auch einfache Freifallbomben unterschiedlichen Typs, die seit 2023 mit dem sogenannten Einheitliches Gleit- und Korrekturmodul (UMPK) zu Gleitbomben nachgerüstet werden. So können neben FAB-Spreng-/Splitterbomben mit unterschiedlicher Masse auch Streu- und Aerosolbomben mit dem System nachgerüstet werden. Konzeptionell ähnelt das UMPK-System stark den US-amerikanischen Joint Direct Attack Munition (JDAM).
Die Steuerung erfolgt über das in den Nachrüstsatz integrierte Kometa-M Satellitennavigationssystem, welches gegen Störmaßnahmen gehärtet, aber wohl nicht immun ist. Zudem ist für den Fall eines Ausfalls der Satellitennavigation ein Trägheitsnavigationssystem integriert. Berichten der letzten Monate zufolge, soll es der Ukraine zuletzt immer wieder gelungen sein die Navigation der russischen Gleitbomben im Endanflug zu stören, so dass die Genauigkeit der Bomben signifikant nachgelassen hat.
Für die Kurskorrektur sind die nach dem Abwurf ausklappenden Flügel mit zwei elektronisch betriebenen Steuerflächen versehen. Die Energieversorgung übernehmen zwei Thermalbatterien, wodurch der Rüstsatz eine hohe Lagerdauer aufweist. Zur Verbesserung der aerodynamischen Eigenschaften wird die Spitze der Bombe zudem mit einer strömungsgünstig geformten Haube versehen. Die so nachgerüsteten Systeme haben je nach Bombentyp effektive Reichweiten von 35 bis 40 km im Ukrainekrieg nachgewiesenen.
Kristóf Nagy