Großbritannien beschafft 72 deutsche Radhaubitzen des Typs RCH 155

Waldemar Geiger

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Die Artec GmbH, ein Joint Venture von KNDS Deutschland und Rheinmetall, ist über die europäische Rüstungsagentur OCCAR mit der Lieferung von 72 Radhaubitzen des Typs RCH 155 für die British Army beauftragt worden, wie aus einer auf den 13. Mai datierten Pressemitteilung des britischen Verteidigungsministeriums hervorgeht.

Das Volumen der Beschaffung inklusive eines Ausbildungsanteils und eines In-Service-Support-Pakets beläuft sich der Mitteilung zufolge auf fast eine Milliarde Pfund, was umgerechnet fast 1,15 Milliarden Euro entspricht. Diese Beschaffungskosten addieren sich auf die bereits getätigten RCH-155-Investments. Bereits im Dezember 2025 wurde über Deutschland ein „Early Capability Demonstrator“ im Wert von 52 Millionen Pfund (60 Millionen Euro) für die Einsatzerprobung beschafft. Im März 2026 folgte dann die Bestellung von Langläuferartikeln für die Produktion der Waffenanlagen in Höhe von 53 Millionen Pfund (61 Millionen Euro).

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Dem Ministerium zufolge sollen die Radhaubitzen ab 2028 den britischen Streitkräften zulaufen und dort die 2023 an die Ukraine abgegebenen Panzerhaubitzen des Typs AS90 ersetzen. Zwischenzeitlich wird die Lücke durch eine geringe Anzahl von Archer-Radhaubitzen geschlossen, die Großbritannien von Schweden übernommen hat.

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Aus der Mitteilung erklärt sich auch, wieso Großbritannien die RCH 155 nicht aus dem von der Bundeswehr geschlossenen Rahmenvertrag bezogen hat. Die RCH 155 besteht aus zwei Hauptkomponenten: dem Boxer-Fahrmodul und dem Artillerie-Geschützmodul (Artillery Gun Module; AGM). Das AGM wiederum setzt sich aus dem Turm und der Waffenanlage zusammen. Einige der Komponenten für die britischen RCH 155 werden dem Ministerium zufolge in Großbritannien gefertigt, beispielsweise die Fahrmodule bei der britischen KNDS-Tochter KNDS UK in Stockport. Zudem werden die Waffenanlagen – Rohr, Verschluss, Rückstoßsystem und Drehzapfen – ebenfalls auf der Insel, von Rheinmetall in Telford, gefertigt.

Ein weiteres interessantes Details der Mitteilung ist ein Verweis auf die Reichweite. „Britische Soldaten werden mit modernen Geschützen ausgerüstet, die acht Schuss pro Minute auf Ziele in einer Entfernung von bis zu 70 km abfeuern können“, heißt es in der Mitteilung. Der Hinweis auf die „bis zu 70 km“ impliziert, dass die britischen Streitkräfte die Radhaubitze in Kombination mit reichweitengesteigerter Munition beschaffen werden. So hat Rheinmetall beispielsweise bereits im November 2019 erfolgreich demonstrieren können, dass mit einer 52-Kaliberlängen-Waffenanlage (der gleichen die auch in der RCH 155 zum Einsatz kommt) in Verbindung mit modernen Supercharge-Treibladungen der Rheinmetall M2005 V-LAP-Munition Reichweiten von fast 67 Kilometern erzielt werden können. V-LAP steht für Velocity Enhanced Long Range Artillery Projectile, dahinter verbirgt sich ein mittels Basebleed und Raketenmotor geschwindigkeitsgesteigertes Artilleriegeschoss.

Radhaubitze RCH 155

Bei der RCH 155 handelt es sich um eine Radhaubitze auf Basis einer Boxer-8×8-Plattform. Kernbestandteil der RCH 155 ist das von KNDS Deutschland entwickelte Artillery Gun Module, welches ein in Serienproduktion befindlicher, vollautomatischer Geschützturm mit einer aus der Panzerhaubitze 2000 bekannten 155 mm/L52-Waffenanlage von Rheinmetall ist. Das System wurde bis dato dem Vernehmen nach von der Ukraine (54 Systeme), Katar (12 Systeme) und Deutschland (4 Erprobungsmuster sowie 80 Seriensysteme) beschafft.

In der Radhaubitzenvariante ist das AGM so ausgelegt, dass es im kompletten Wirk- und Richtbereich mit der höchsten Ladung uneingeschränkt schießen kann. Die Fähigkeit zum Feuern aus der Bewegung ist einzigartig auf der Welt und wurde seitens der KNDS-Ingenieure aus der Funktionsweise von Stabilisierungsanlagen, wie sie in Kampf- und Schützenpanzern verwendet werden, abgeleitet. Dabei kalkuliert ein Rechner ständig die aktuelle Lage des Fahrzeuges und des Rohres. Weicht die Rohrrichtung vom errechneten Zielpunkt ab, wird nachgesteuert. Nur wenn die Waffe exakt auf das Ziel gerichtet ist, löst der Rechner den Schuss aus.

Die Besatzung ist dafür verantwortlich, dem System nur dann einen Feuerauftrag zu erteilen, wenn in unmittelbarer Nähe keine Hindernisse sind, die die Flugbahn der Granate behindern könnten. Dabei wird die Besatzung, z.B. in der Variante der RCH 155 für die Ukraine, durch das von Hensoldt entwickelte 360-Grand-Rundumsichtsystem Setas unterstützt. Setas ermöglicht der Besatzung eine effektive Nahfeldbeobachtung. Hindernisse, Bedrohungen und andere Gefahren können schnell erkannt und Gegenmaßnahmen eingeleitet werden. Dies entlastet nicht nur die Besatzung, sondern trägt auch zu deren Überlebensfähigkeit in Duellsituationen bei. Ob auch die für die Bundeswehr vorgesehen Radhaubitzen über Setas verfügen werden, ist derzeit noch nicht bekannt.

Die Feuergeschwindigkeit des AGM beträgt mehr als acht Schuss pro Minute. In das AGM wurde ein vollautomatisches Ladesystem für Geschosse und modulare Treibladungen integriert. Die Zünder werden im Ladevorgang induktiv programmiert, die Waffenanlage elektrisch gerichtet. Die Kampfbeladung besteht aus maximal 30 bezünderten Geschossen und 144 modularen Treibladungen und damit rund 50 Prozent mehr, als es typische, auf LKW basierte und im Einsatz befindliche Artilleriesysteme haben. Der Feuerkampf wird durch einen Feuerleitrechner mit integriertem Ballistikrechner und Datenfunk-Anbindung zu einem Artillerieführungssystem unterstützt, der auf eine hochgenaue Navigationsanlage, mit oder ohne GPS-Unterstützung, zurückgreift. Der Turm kann ohne Fahrzeugabstützung um 360 Grad gedreht werden. Die Elevation des Rohres von -2,5 bis 65 Grad erlaubt den Feuerkampf sowohl auf große Entfernung als auch im direkten Richten auf nahe Ziele.

Mit einer Waffenstation ausgerüstete AGM verfügen zudem über eine sogenannte Hunter-Killer-Fähigkeit. Diese dient der Selbstverteidigung. Sie ermöglicht es der Besatzung, in Duellsituationen parallel erkannte Ziele zu bekämpfen und weitere, das Fahrzeug bedrohende Ziele aufzuklären. Während das Fahrzeug automatisiert eine vorher aufgeklärte Bedrohung bekämpft, kann der Kommandant bereits weitere Gegner aufklären und die Bekämpfung einleiten.

Waldemar Geiger